Schlagwort: Gedichte
„Nur du“

Sonntagerinnerung an das Jahr 1999
„Nur du“
Bist du heute für mich da?
Du stehst mir so nah.
Nur du machst mir Mut.
Bei dir kocht mein Blut.
Du bringst mich zum Lachen,
mich dazu
allerlei Späße zu machen
Die Zeit mit dir vergeht geschwind,
doch alles was bleibt ist säuselnder Wind.
Ich genieße die Zeit mit dir,
die jeder neuer Tag bringt,
wenn die Melodie des Lebens
wieder nach Liebe klingt.
Ich genieße das Leben in vollen Zügen.
Verzichten auf alle Lügen.
Vergessen ist alles,
wenn du nur bei mir bist,
mich nicht vergisst,
mir ganz nah bist.
Du bist da!
Ich könnte befreit rufen,
ich liebe dich!
Lass es uns doch versuchen.
© Jürgen Rüstau 1999
Bücher & Freunde

Bild: Lismary’s Collage
„Ein schönes Buch nicht wieder
zu lesen, weil man es schon
gelesen hat, das ist, als ob man
einen teuren Freund nicht wieder
besuchen würde, weil man ihn
schon kennt“
Marie von Ebner-Eschenbach,
(1830-1916)
Mach mal Goethe…

Der Zauberlehrling
Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort‘ und Werke
Merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.
Walle! Walle!
Manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fliesse
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergiesse.
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen;
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!
Walle! Walle!
Manche Strecke,
dass, zum Zwecke,
Wasser fliesse
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergiesse.
Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser füllt!
Stehe! Stehe!
Denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
hab ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!
Willst’s am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!
Wehe! Wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Nass und nässer
wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist gross!
Die ich rief, die Geister,
werd ich nun nicht los.
»In die Ecke,
Besen! Besen!
Seid’s gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
erst hervor der alte Meister.«
Johann Wolfgang von Goethe
Kalenderblatt – Start in den November

NASSER NOVEMBER
Ziehen Sie die ältesten Schuhe an,
die in Ihrem Schrank vergessen stehn!
Denn Sie sollten wirklich dann und wann
auch bei Regen durch die Strassen gehn.
Sicher werden Sie ein bisschen frieren,
und die Strassen werden trostlos sein.
Und trotzdem: gehn Sie nur spazieren!
Und wenn‘s irgend möglich ist, allein.
Müde fällt der Regen durch die Äste.
Und das Pflaster glänzt wie blauer Stahl.
Und der Regen rupft die Blätterreste.
Und die Bäume werden alt und kahl.
Abends tropfen hunderttausend Lichter
Zischend auf den glitschigen Asphalt.
Und die Pfützen haben fast Gesichter.
Und die Regenschirme sind ein Wald.
Ist es nicht, als stiegen Sie durch Träume?
Und Sie gehn doch nur durch eine Stadt!
Und der Herbst rennt torkelnd gegen Bäume.
Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt.
Geben Sie ja auf die Autos acht.
Gehn Sie, bitte falls Sie friert nach Haus!
Sonst wird noch ein Schnupfen heimgebracht.
Und ziehn Sie sofort die Schuhe aus!
Erich Kästner
Nur mal nebenbei gesagt…

Familie
Ich liebe schöne Geschichten,
auch meine Familie.
Habe mehrere Nichten,
und keine Immobilie.
Stehe täglich auf kurz nach Sechs.
Im Alter braucht man weniger Schlaf.
Schade, reimt sich nicht.
Dafür hat man im Alter die Gicht.
Auch habe ich eine Frau.
Im Schlaf tut sie viel reden.
Sie ist so schön wie Morgentau,
mit ihr lässt es sich gut leben.
Ich habe bildhübsche Kinder.
Sie wohnen in der Nähe von Hannover.
Habe ein Auto mit vier Zylinder.
Am Ende gesagt ich bin kein Doofer.
© Jürgen Rüstau
Was ist Glück?

Das Glück
Es huscht das Glück von Tür zu Tür,
Klopft zaghaft an: – wer öffnet mir?
Der Frohe lärmt im frohen Kreis
Und hört nicht, wie es klopft so leis.
Der Trübe seufzt: Ich lass nicht ein,
Nur neue Trübsal wird es sein.
Der Reiche wähnt, es pocht die Not,
Der Kranke bangt, es sei der Tod.
Schon will das Glück enteilen sacht;
Denn nirgends wird ihm aufgemacht.
Der Dümmste öffnet just die Tür –
Da lacht das Glück: »Ich bleib bei dir!«
Richard Zoozmann
Dramatiker, Übersetzer und Bearbeiter hervor und schrieb auch unter den Pseudonymen Richard Hugo, Hugo Zürner usw. Er übersetzte englische und russische Literatur ins Deutsche, von Charles Dickens, Oscar Wilde, Lew Wallace, Walter Scott und James Fenimore Cooper. Zudem übertrug er den Roman Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz aus dem Polnischen, Gedichte von Walther von der Vogelweide aus dem Mittelhochdeutschen sowie Werke Dante Alighieris aus dem Italienischen (vor allem bekannt dank seiner Übersetzung der Göttlichen Komödie).
Zoozmann verbrachte den Sommer oft an der Woltersdorfer Schleuse, einer beliebten Ausflugsgegend für Berliner. Er engagierte sich auch für den hiesigen Verschönerungsverein und brachte mehrere Gedicht- und Liedersammlungen über Woltersdorf und die Schleuse heraus.
Heute ist er vor allen Dingen noch durch die von ihm besorgte Zitatensammlung bekannt. Die alphabetische Sortierung der Geflügelten Worte richtet sich darin nicht nach den Zitatanfängen, sondern nach deren als ‚ausschlaggebend‘ angesehenem Zentralwort (Beispiel: „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ von Schiller steht nicht unter „D“, sondern unter „A“). Zoozmanns Zitatenschatz erschien erstmals 1910 und erfuhr zu seinen Lebzeiten sechs Auflagen; Neuauflagen nach seinem Tod wurden von anderen Bearbeitern herausgegeben. Im Jahre 1910 erschien der von ihm neu bearbeitete Wolffs Poetischer Hausschatz (beide Teile in einem Band).
Richard Zoozmann hatte die letzten Jahre bis zu seinem Tod seinen Wohnsitz in Bad Herrenalb im Schwarzwald, wo er auch begraben wurde.
Sonntags

Im Schlafanzug
in den Tag hinein gelebt
Lasse mich
von Nichts und Niemand
treiben.
Würde mein Leben gern
so beschreiben.
Von Lebensflüssen
treiben lassen
zu all diesen Genüssen,
an einem Sonntag
im Irgendwann.
Irgendwo.
© Jürgen Rüstau
Erinnerung an die Kindheit

BEIM WIEDERSEHEN EINER
KINDHEITSSTÄTTE (1900)
Die Wiesen und Stege
sind voller Licht,
das allerwege
aus der Bläue bricht;
und tief im Tale,
am Hang geschmiegt,
im letzten Strahle
der Garten liegt.
Dort unten träumet
am alten Ort
vom Wald umsäumet
meine Kindheit fort.
Und könnt‘ ich sie wecken
und bei ihr knien,
sie würde erschrecken,
wie fremd ich bin.
Hermann Hesse
Bild: Peaceful
www.flüsikeitsaustausch.de

Augen gleiten suchend im Chat,
nach Bildern und Profilen.
Sehnsüchte satt.
Singles auf der Reise in den weltweiten Netzen.
Abenteuer suchen,
Freiwild in die Enge der sprachlosen Worte hetzen.
Die Fragen
sachlich und klar,
männlich oder weiblich?
Gebunden?
Mein Profil ist eh frei erfunden.
Gefühle, ernste Gespräche?
Nichts von alledem ehrlich und wahr.
Eine Frage bestimmt Raum und Zeit.
Wann treffen wir uns?
Am besten heute Abend?
Ich bin zur flüssigen Konversation noch heute bereit.
Mädchen sei auf der Hut
vor solchen schnellen Typen.
Um dich ins Bett zu bekommen,
erfinden sie fast alle gebräuchlichen Lügen.
Du hörst nicht ihre zittrige Stimme
und siehst auch nicht die anderen kleinen Dinge.
Du trittst ein in ihr Tummelbecken,
in den Chat im Netz,
kurz abgecheckt,
und eröffnet ist die allgemeine Hetz.
Sie sind von ihrem Erfolgsdrang besessen.
Die Moral von dieser Geschichte?
Du kannst sie alle getrost vergessen.
© Jürgen Rüstau