
Gedicht des Tages
Letztes Lied
Ich werde fortgehn, Kind. Doch Du sollst leben
Und heiter sein. In meinem jungen Herzen
Brannte das goldne Licht. Das hab ich Dir gegeben,
Und nun verlöschen meine Abendkerzen.
Das Fest ist aus, der Geigenton verklungen,
Gesprochen ist das allerletzte Wort.
Bald schweigt auch sie, die dieses Lied gesungen
Sing Du es weiter, Kind, denn ich muss fort.
Den Becher trank ich leer, in raschem Zug
Und weiß, wer davon kostete, muss sterben …
Du aber, Kind, sollst nur das Leuchten erben
Und all den Segen, den es in sich trug:
Mir war das Leben wie ein Wunderbaum,
von dem in Sommernächten Psalmen tönen.
– Nun sind die Tage wie geträumter Traum;
Und alle meine Nächte, alle – Tränen.
Ich war so froh. Mein Herz war so bereit.
Und Gott war gut. Nun nimmt er alle Gaben.
In Deiner Seele, Kind, kommt einst die Zeit,
soll, was ich nicht gelebt, Erfüllung haben.
Ich werde still sein; doch mein Lied geht weiter.
Gib Du ihm deinen klaren, reinen Ton.
Du sei ein großer Mann, mein kleiner Sohn.
Ich bin so müde – aber Du sei heiter..
Mascha Kaléko
Gemälde von Gustav Klimt
Wer war Mascha Kaléko?
Mascha Kaléko war eine deutschsprachige Dichterin, die am 7. Juni 1907 in Chrzanów, Galizien, geboren wurde und am 21. Januar 1975 in Zürich starb. Sie gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Neuen Sachlichkeit und ist bekannt für ihre Großstadtlyrik, die oft ironisch und melancholisch ist.
Kaléko wuchs in Berlin auf, wo sie ihre Schul- und Studienzeit verbrachte. Sie begann früh, Gedichte zu schreiben, und veröffentlichte 1929 ihre ersten Werke in der Vossischen Zeitung und im Berliner Tageblatt. 1933 erschien ihr erster Gedichtband „Das lyrische Stenogrammheft“, der ein großer Erfolg wurde.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Kaléko 1938 mit ihrem zweiten Mann, dem Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver, nach New York. Dort schrieb sie Werbetexte und Unterhaltungsliteratur, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Erst 1945 erschien ein neuer Gedichtband, „Verse für Zeitgenossen“.
Nach dem Krieg kehrte Kaléko nach Deutschland zurück und wurde wieder bekannt. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde 1960 für den Fontane-Preis nominiert, lehnte jedoch ab, weil ein ehemaliges SS-Mitglied in der Jury saß. Kaléko starb 1975 in Zürich und wurde auf dem jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg beigesetzt.
