{"id":58,"date":"2025-03-06T20:04:39","date_gmt":"2025-03-06T19:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wortgarage.de\/blog\/?p=58"},"modified":"2025-07-21T18:13:00","modified_gmt":"2025-07-21T16:13:00","slug":"die-strassen-meiner-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wortgarage.de\/blog\/2025\/03\/06\/die-strassen-meiner-kindheit\/","title":{"rendered":"Die Stra\u00dfen meiner Kindheit"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-57\" src=\"http:\/\/wortgarage.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/FB_IMG_1741287633905.jpg\" alt=\"\" width=\"708\" height=\"708\" srcset=\"https:\/\/wortgarage.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/FB_IMG_1741287633905.jpg 708w, https:\/\/wortgarage.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/FB_IMG_1741287633905-300x300.jpg 300w, https:\/\/wortgarage.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/FB_IMG_1741287633905-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 708px) 100vw, 708px\" \/><\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen meiner Kindheit<\/p>\n<p>Die Eisenbahnstra\u00dfe im Osten von Leipzig.<br \/>\nDie BILD Zeitung bezeichnet sie heute als eine der schlimmsten Stra\u00dfen in Deutschland.<br \/>\nDie Stadtverwaltung Leipzig ist nicht ganz unschuldig an dieser Lage. Viele Zugereisten wurde Wohnraum in runter gekommenen Wohnbebauun\u0123en angeboten. Es erfolgte eine hohe Konzentration an Menschen aus aller Herren L\u00e4nder und damit auch einige zwielichtige Zeitgenossen. Das Ergebnis Ghettosierung und Kriminalt\u00e4tshochburg. Es entstanden allerdings auch eine ganze Anzahl interessanter Gesch\u00e4fte.<br \/>\nDieses Gebiet macht aber auch mit Gewalt und als Drogenumschlagplatz immer wieder Schlagzeilen in der Presse. Heute ist sie eine ausgewiesene Waffenverbotszone. Dies war nicht immer so.<br \/>\nWir besa\u00dfen fr\u00fcher nur Katapulte und Schwerter aus Holz.<br \/>\nZwischen Rabet, Eisenbahnstra\u00dfe (damals Ernst Th\u00e4lmann Stra\u00dfe), Torgauer Platz und Marianen Park, dass war mein Kiez, die Tummelpl\u00e4tze meiner Kindheit. Eigentlich hatten wir in den f\u00fcnfziger Jahren fast nichts. Ein paar Jahre nach dem schlimmen Weltkrieg begann sich aber das Leben langsam wieder zu normalisieren.<br \/>\nDie Wunden des Krieges waren immer noch hier und da sichtbar. Wir als Kinder machten das Beste daraus, hatten gef\u00e4hrliche Abenteuerspielpl\u00e4tze. Das Leben in der DDR war damals grau und trist. Trotzdem hatten wir eine bunte Kindheit, die es bis ins jugendliche Alter zu erforschen galt. Und dabei gab es doch viel mehr als wir uns heute und vor allem die heutige Generation, vorzustellen vermag. Wenn ich meine Erinnerung wach r\u00fcttle gab es doch ein buntes Gesch\u00e4ftsleben mit vielen H\u00f6hepunkten f\u00fcr uns Kinder. Nehmen wir blo\u00df einmal die Gesch\u00e4fte in unserer Augenh\u00f6he. S\u00fc\u00dfigkeiten L\u00e4den, wie die alte Frau Lange in der Hedwig Stra\u00dfe, lie\u00dfen Kinderaugen leuchten.<br \/>\nEs waren die Kleinigkeiten die wir begehrten. Wir waren bescheiden, hielten uns fast den ganzen Tag, wenn es das Wetter zulie\u00df, drau\u00dfen auf. Dort waren wir nat\u00fcrlich auch meistens wenn es das Wetter nicht zulie\u00df. In den Wohnungen hielt uns nichts. Wir hatten noch keinen Fernsehapparat, Computer waren noch nicht erfunden. Auf den Stra\u00dfen konnte man wunderbar spielen, denn Autos st\u00f6rten uns auf den Nebenstra\u00dfen kaum. Kinderbanden spielten ihr ungef\u00e4hrliches Spiel. Da kann ich mich noch sehr gut an den Tauchscher Brauch erinnern, der von Taucha aus, bis in die \u00f6stlichen Leipziger Vororte seinen Lauf nahm. Als Indianer oder Cowboys angeputzt gab es Krieg. Ludwigstra\u00dfe gegen Mariannenstra\u00dfe. Die kindlichen K\u00e4mpfe tobten. Laubhaufen brannten. Ein Riesengaudie jedes Jahr im September.<br \/>\nAls wir etwas \u00e4lter wurden, die Schulzeit begann und wir unseren Aktionsradius in den Rabet Park und den Marianen Park ausdehnten, wurden wir noch weniger in Wohnungsn\u00e4he gesehen. Aber auch das unbeschwerte Toben war ein wenig eingeschr\u00e4nkt. Wir hatten jetzt unabdingbare Schulpflichten. Es ging allerdings viel ruhiger und entspannter als in der heutigen Zeit zu. Trotzdem waren wir nicht d\u00fcmmer. Wir hatten viel mehr als heute unsere kleinen Freiheiten. Ich erinnere mich gern, wenn wir unser Schulmaterial mal nicht ordnungsgem\u00e4\u00df zusammen hatten gab es fr\u00fch immer noch eine M\u00f6glichkeit nicht aufzufallen. In der Hedwigstra\u00dfe gab es ein kleines Schreibwarengesch\u00e4ft, Klare. Hier konnten wir fr\u00fch vor der Schule klingeln und das Vergessene noch kaufen. Dies war eigentlich ein Ausdruck f\u00fcr die Gem\u00fctlichkeit dieser Zeit. \u00dcberhaupt gab es in unserem Kiez viele Gesch\u00e4fte. Je \u00e4lter wir wurden wuchs auch unser Interesse daran. So gab es zum Beispiel allein in der Eisenbahnstra\u00dfe drei Kinos, viele Eisdielen, ein Hallenbad und was uns dann sp\u00e4ter interessierte, wahnsinnig viele Kneipen.<br \/>\nAber auch andere Erinnerungen pr\u00e4gten diese Zeit. Wir hatten drei Bibliotheken in unmittelbarer N\u00e4he. Ich glaube, ich habe sie damals alle ausgelesen. Es gab auch damals noch richtige Winter. Die Schulen hatten mal keine Heizmittel und der normale Schulbetrieb musste eingestellt werden. Unsere Klasse wurde aufgeteilt und wir hatten in kleineren Gruppen Behelfsunterricht in einigen Wohnungen. Heute w\u00fcrde der Unterricht total ausfallen, da ja auch noch die Lehrer fehlen w\u00fcrden. Wenn man den ganzen ideologischen Quatsch weg l\u00e4sst, hat man uns dennoch eine sehr gute Allgemeinbildung vermittelt. Vor allem hatten wir gen\u00fcgend Zeit auch unsere Kindheit auszuleben, einfach Kind zu sein.<br \/>\nDieser Kiez, mit Hunderten von Gesch\u00e4ften hat uns gepr\u00e4gt und wir schlitterten v\u00f6llig unbeschwert in unsere Jugendzeit. Kneipen und M\u00e4dchen erweiterten unseren Horizont.<br \/>\nEin Fischbr\u00f6tchen f\u00fcr drei\u00dfig Pfennig, kurz vor dem Kinobesuch im Wintergarten, konnte man im Imbiss Bauer, gleich neben dem Kino, verspeisen. Herr Bauer, ein freundlicher d\u00fcnner Mann, der die Hosen an seine energische Ehefrau abgegeben hatte, war st\u00e4ndig mit dem Fahrrad unterwegs. Geduldig holte er Br\u00f6tchen als Nachschub und belegte sie mit Hering, Brathering und Lachsersatz und vielen Gew\u00fcrzgurken und Zwiebeln. Seine Frau, welche das Sagen hatte, verkaufte sie im winzigen Laden an uns. Dazu ein Bier oder Limo mit Schnappverschluss der Marke Bauer machte den Genuss vollkommen. Das war nicht nur ein normaler Laden, dass war eine Institution.<br \/>\nAllerdings, wenn man dann noch mit einem M\u00e4dchen ins benachbarte Kino wollte &#8211; das knutschen konnte man bez\u00fcglich der leckeren Fischbr\u00f6tchen vergessen.<br \/>\nDie Gesch\u00e4ftspalette dieser Stra\u00dfe war unendlich. Viele B\u00e4cker, Fleischer, Gockelbar, Inge Fix, Optiker Maul und und und. Und wir waren in der gl\u00fccklichen Lage, auf unserem Kietz hatten wir zwei Musikalien Gesch\u00e4fte. Tappert und Forsche. Hier gab es unter dem Ladentisch immer etwas f\u00fcr uns auf die Ohren. Die Partys waren gesichert!<br \/>\nTappert gab es bis zum Ende der DDR und ich glaube auch noch eine Weile l\u00e4nger. F\u00fcr Forsche war Ende der Siebziger Jahre Schluss. Devisenvergehen sagte damals die Staatsmacht.<br \/>\nWir versammelten uns in den zahlreichen Kneipen zu zahlreichen Diskussionen unter vorgehaltener Hand. Die Kneipen hatten uns erobert. Wenn man in jeder Kneipe nur ein kleines Bier getrunken h\u00e4tte, w\u00e4re man am Ende des Tages hoffnungslos betrunken. Eine sch\u00f6ne Zeit, das Erwachsen werden. Man konnte sich richtig austesten. Was man sich fr\u00fcher auf der Stra\u00dfe oder in den Parks aufhielt, verbrachte man jetzt viel Zeit in der Kneipe. Wir waren eben ostdeutsche Achtundsechziger. Ich war sehr viel im \u201eKulmbacher Hof\u201c bei Herbert oder im \u201eGoldenen L\u00f6wen\u201c bei Moni und Norbert. Es wurde politisch diskutiert, was in dieser Zeit nicht immer leicht war. Diese wundersch\u00f6ne Zeit endete meist wenn man eine Freundin hatte.<br \/>\nAber die Erinnerungen bleiben&#8230;<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe meiner Kindheit<\/p>\n<p>Ich laufe heute tr\u00e4umend durch die Stra\u00dfe meiner Kindheit,<br \/>\nmit einem lachenden und einem weinenden Gesicht.<br \/>\nAlte verfallene ehrw\u00fcrdige H\u00e4user,<br \/>\naus denen die Vergangenheit spricht.<br \/>\nDie damals gepflanzten B\u00e4ume werfen Schatten und sind alt.<br \/>\nIch und meine Tr\u00e4ume wurden hier geboren,<br \/>\ndiese Erinnerung l\u00e4sst mich nicht kalt.<br \/>\nMancher Streich wurde hier auserkoren,<br \/>\nwar das erste mal richtig in Nachbars Christine verknallt.<br \/>\nVon den Tr\u00e4umen zehre ich noch immer,<br \/>\nder Drang sie zu erf\u00fcllen,<br \/>\nwird Jahr f\u00fcr Jahr schlimmer.<br \/>\nDie Gesch\u00e4fte meiner Kindheit gibt es nicht mehr.<br \/>\nDer S\u00fc\u00dfigkeiten Laden an der Ecke,<br \/>\nist verfallen und leer.<br \/>\nHier war ich ein gl\u00fcckliches Kind.<br \/>\nKeiner meiner Freunde wird hier mehr leben.<br \/>\nSie wurden in alle Himmelsrichtungen verstreut,<br \/>\nwie Bl\u00e4tter im Wind.<br \/>\nTrotzdem war es wieder mal sch\u00f6n hier zu sein,<br \/>\nf\u00fchlte mich hier gleich wieder wohl.<br \/>\nW\u00e4re gern noch mal hier und klein.<\/p>\n<p>\u00a9 J\u00fcrgen R\u00fcstau<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stra\u00dfen meiner Kindheit Die Eisenbahnstra\u00dfe im Osten von Leipzig. 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